Sentenzen nach dem Talmud.
Ausgewählt von Leo N. Tolstoi
Verurteile deinen Nächsten nicht, bevor du in seiner Lage warst.
Wer seinen Nächsten haßt, der vergießt Menschenblut.
Wie gefühllos und gleichgültig gegen fremdes Leid ist doch ein reicher Mann.
Hast du deinem Nächsten Böses getan, und sei es auch nur ein geringes, so halte ein solches für ein großes; hast du ihm aber eine große Wohltat erwiesen, so erachte sie als unbedeutend; eine kleine Wohltat dagegen, die dir von anderen erwiesen ist, halte für groß.
Gottes Segen geht auf den herab, der den Armen gibt; doppelter Segen ruht auf dem, der ihnen hierbei freundlich begegnet.
Das Wesen der Liebe zu Gott besteht im Hinstreben und Hindrängen der Seele zum Schöpfer, um mit ihn in einer höheren Welt sich zu vereinen.
Ein beginnender Streit gleicht einem Strome, der den Damm durchbricht: Sobald er ihn durchbrochen hat, ist er nicht mehr zu halten.
Der Mensch hat die Macht, Streit anzustiften, aber er hat nicht die Macht, ihn zu ersticken, denn der Streit lodert auf, gleich einer Flamme, die der löschenden Wirkung des Wassers nicht nachgibt.
Gott zürnt uns wegen unserer Sünden, die Menschen wegen unserer Tugenden.
Wer insgeheim sündigt, der verleugnet den allgegenwärtigen und allsehenden Gott.
Du bist nicht verpflichtet, ein Werk zu Ende zu führen, aber auch nicht berechtigt, dich ihm ganz zu entziehen.
Wer dir das Werk aufgetragen hat, ist getreu.
Der Mensch kommt zur Welt mit geballten Händen und spricht gleichsam: die ganze Welt ist mein; er scheidet aber aus ihr mit offenen Händen und sagt gleichsam: seht, ich nehme nichts mit!
Nicht auf die Untersuchung der Gebote kommt es an, sondern auf die guten Werke.
Ein Teil deiner Freunde tadelt dich, der andere lobt dich; halt dich zu denen, die dich tadeln, und halt dich fern von denen, die dich loben.
Die Lehre Gottes wird mit dem Wasser verglichen: wie dieses die hohen Stellen meidet und sich in den Niederungen sammelt, so findet Gottes Wort nur bei den kleinen Leuten Aufnahme.
Umsonst sind die Bemühungen der Menschen, in das Geheimnis des Wesens Gottes einzudringen; ihre Aufgabe ist nur, seine Gebote zu halten.
Liebe den ewigen Gott so, daß durch dich auch andere ihn lieben.
Erfülle Gottes Gebote mit Liebe. Es ist nicht dasselbe, sie aus Liebe zu Gott oder aus Furcht vor ihm zu erfüllen.
Der böse Trieb im Menschen ist zuerst wie Spinneweben, dann wie ein dickes Tau.
Die böse Neigung ist anfangs ein Fremdling, dann ein Gast und schließlich der Herr im Hause.
Tu den Willen Gottes wie deinen eigenen, dann wird er deinen Willen erfüllen, wie seinen; verzichte auf deine Wünsche zugunsten seiner, dann wird er machen, daß andere zu deinen Gunsten verzichten.
Man kann ein Volk nur dann besiegen, wenn seine Götter, d. h. seine sittlichen Ideale, sein bestes Streben bereits besiegt sind.
Sechs Dinge sind beim Menschen in Gebrauch, von diesen stehen drei in seiner Macht und drei nicht in seiner Macht. Augen, Ohren und Nase sind nicht in seiner Macht, denn mit ihnen sieht, hört und riecht er auch das, was er nicht will. Lippen, Hände und Füße aber sind in seiner Macht: wenn er will, so sprechen seine Lippen fromme Worte oder tragen Schmähungen und Verleumdungen herum; die Hand gibt Almosen oder eignet sich fremdes Eigentum an, oder tötet sogar; der Fuß geht an einen schlechten Ort oder in das Haus des Weisen.
Ist eine Rede gut, gibt es nichts Besseres, ist sie böse, nichts Häßlicheres.
Böses vergilt mit Gutem.
Komm jedermann mit deinem höflichen Gruß zuvor. Es genügt nicht, sich nur gelegentlich mit Bekannten auf guten Fuß zu stellen, mit dem Nächsten keinen Streit anzufangen, oder seinen Gruß zu erwidern; nein, man muß gutes Einvernehmen anbahnen, Zank und Streit zuvorkommen, indem man ihr Entstehen verhindert, denn wenn bereits eine Einmischung erforderlich ist, was kann dann noch den Erfolg verbürgen?
Gott tritt für den Verfolgten ein, ob nun ein Gerechter einem Gerechten oder ein Böser einem Bösen nachstellt – stets ist Gott auf der Seite des Verfolgten, wer dies auch sei.
Wer Kenntnis des Gesetzes hat, aber nicht die Liebe zu Gott, gleicht dem Schatzmeister, dem die inneren Schlüssel ohne die äußeren ausgehändigt sind.
Das Wesen der Wohltätigkeit besteht allein in der Liebe, die in ihr zum Ausdruck gelangt.
Beschmutzt euch nicht mit Streit, der Leib, Seele und Habe vernichtet. Ich hatte Gelegenheit, zu sehen, wie Weißes schwarz und Große klein wurden, wie ganze Familien verschwanden, Fürsten ihre Habe verloren, große Städte zerstört, Bündnisse gebrochen, Fromme beschimpft, Gläubige vernichtet wurden und Berühmte sich mit Schimpf und Schande bedeckten – und zwar alles infolge von Streit.
Eilt zu guten Werken, selbst wenn sie klein sind, und flieht alle Sünden. Denn jedes gute Werk zieht andere nach sich, und jede Sünde gebiert eine andere: Lohn der Tugend ist die Tugend, Strafe des Lasters das Laster.
Dem Gebildeten steht es wohl an, die Schande anderer zu verbergen, selbst der Leute, die ihn geschädigt haben.
Den Reumütigen soll man nicht an seine früheren Sünden erinnern.
Menschensohn! Gib nicht acht auf die Einflüsterungen des Versuchers, der da spricht: „Bin ich etwa von Stein, ist mein Leib aus Kupfer, daß du mir diese schwere Bürde auflädst: die Erfüllung der Gebote. Werden doch all meine Tage und Nächte nicht hinreichen, um sie sämtlich zu erfüllen.“ Du mußt wissen, daß solche Gedanken Einflüsterungen des Bösen sind, der dir die Erfüllung der Gebote als etwas Schweres hinstellt, damit du ganz von der Wahrheit abkommst und in die Falle gerätst. Wisse auch, daß die größere Hälfte der Gebote Verbote bilden, die dem Menschen sagen: „Du sollst nicht.“ Den größeren Teil der übrigen Hälfte bilden wiederum Gebote über die Einheit mit Gott und die beständige Liebe zu ihm, ferner, daß man seinen Nächsten nicht schädige, sich des Raubes enthalte usw. Auf diese Weise sind die Gebote sehr leicht zu erfüllen, da der größte Teil von ihnen passive sind, d. h. solche, die nur Enthaltung von einer Handlung fordern, einen sehr geringen Teil aber nur die aktiven bilden und auch ihre Erfüllung nicht eine fortwährende, sondern nur eine gelegentliche, periodische ist, wie z. B. das Almosengeben, Schutz des Bedrängten vor seinen Bedrängern, – Handlungen, die sich nicht jeden Tag wiederholen, sondern nur bisweilen eintreten.
Wer ist ein Held? – Der seinen Feind in einen Freund verwandelt.
Wer spricht: Ich werde sündigen und werde Buße tun, dem wird (von oben) nicht gegeben, Buße zu tun; wer spricht: Ich werde sündigen, der Bußtag erlöst mich von meinen Sünden, den erlöst der Bußtag nicht von seinen Sünden. Vergehen gegen Gott werden am Bußtag gebüßt, aber Vergehen gegen den Nächsten werden nicht gebüßt, solange der Nächste nicht zufrieden gestellt ist.
Ich habe viel von meinen Lehrern gelernt, mehr noch von meinen Gefährten, am meisten von meinen Schülern.
Meine Kinder! Wenn euch jemand mit einem Worte eine Kränkung zufügt, so messt dem nicht allzu viel Bedeutung bei, sondern seht es an als eine Kleinigkeit. Wenn aber euch ein kränkendes Wort über einen anderen entschlüpft, so macht eurem Gewissen keine Konzession, indem ihr sprecht: „Was haben wir denn Großes gesagt! Es ist ja eine Kleinigkeit! Wie kann man der Bedeutung beilegen!“ – Nein, urteilt nicht so, sondern seht den Vorfall als ein Ereignis von großer Wichtigkeit an, bis es euch durch eigene Bitten oder Vermittlung von Freunden gelingt, den Beleidigten zum Verzeihen und zur vollständigen Aussöhnung geneigt zu machen.
Wie Gott alles sieht, aber unsichtbar ist, so ist auch die Seele ein unsichtbares, aber allsehendes Wesen.
Wer einmal gegen ein leichtes Gebot gefehlt hat, schreckt schließlich nicht vor der Übertretung eines wichtigen zurück. Wer gegen das Gebot „Du sollst den Nächsten lieben als dich selbst“ gefehlt hat, der übertritt in der Folge auch die Gebote: „Räche dich nicht; trag keine Bosheit und keinen Haß gegen deinen Bruder“ – und dadurch, daß er das Gebot „auf daß dein Bruder bei dir wohne“ übertritt, gelangt er schließlich bis zum Blutvergießen.
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Textquelle ǀ Leo TOLSTOI: Gedanken weiser Männer. [Mysli mudrych ljudej na každyj denʼ, 1903]. Mit Genehmigung des Verfassers deutsch herausgegeben von Adolf Heß. München: Albert Langen. Verlag für Litteratur und Kunst 1904, S. 16, 22,23, 24, 34, 47, 53, 63, 64, 73,82,87, 96, 101, 117, 118, 119, 125, 128, 139, 152, 162, 178, 184, 209, 214, 240, 246, 248, 272, 293, 372, 378, 379.
Literatur und Edition hierzu: Leo N. TOLSTOI, Begegnung mit dem Judentum. Briefe und andere Zeugnisse des Dichters, nebst Darstellungen von jüdischen Zeitgenossen. Ausgewählt u. eingeleitet von Peter Bürger. (= Tolstoi-Friedensbibliothek: Band-Signatur TFb_B013). Hamburg 2025.
