Laudatio zur Verleihung des Michael-Sattler-Friedenspreis 2025 an die israelisch palästinensische Nicht-Regierungsorganisation „Comet Middle-East“ –
Rottenburg, 21. Mai 2025.
Von Deborah Feldman
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Im Februar 2025 war ich zum ersten Mal im Westjordanland. Warum nicht früher? Nun, das ist die Frage, die ich mir seitdem häufig stelle.
Wer mich kennt, wird kaum überrascht sein zu erfahren, dass ich – obwohl streng religiös erzogen – lange keinen Bezug zur Region Nahost hatte. Grund dafür waren die antizionistischen Überzeugungen ultraorthodoxer Juden, die meine Kindheit prägten.
Israel besuchte ich zum ersten Mal im Jahr 2015. Damals hatte ich den Begriff „West Bank“ erst vor Kurzem gehört. Meinem ersten Palästinenser begegnete ich am türkischen Markt am Berliner Maybachufer. Der Mann erzählte mir, er komme aus Jenin – aber der Ortsname sagte mir nichts. Ich hatte noch keine Landkarte in meinem Kopf.
Aber ich erinnere mich an die Scham, an dieses diffuse, vage Gefühl, dass etwas nicht stimmte – in unserem Verhältnis zueinander, zwischen den Fluchtgeschichten unserer Vorfahren. Noch konnte ich dieses Gefühl nicht in Worte fassen.
Bei meinem ersten Israel-Besuch verbrachte ich den Großteil meiner Zeit in Tel Aviv, blickte neugierig Richtung Jaffa und die arabischen Läden. Vielleicht war ich schon damals im Unterbewusstsein auf der Suche nach einem Narrativ friedlicher Koexistenz – um die unruhig schlummernden Ängste ein für alle Mal stilllegen zu können. Aber ich fand nur ein merkwürdiges Schweigen, ein Ausblenden des Gegenübers, ein Wegschauen – von der Geschichte wie von der Gegenwart. In Jerusalem blickte ich auf die palästinensischen Gegenden nur aus der Ferne, von der Höhe des Tempelbergs, auf dem Rückweg von der Klagemauer. Niemand um mich herum verlor ein Wort über die vernachlässigte Szene jenseits einer unsichtbaren Linie, deren Überschreiten für mich als Jüdin nicht vorgesehen war. Das damalige Ost-Jerusalem habe ich als verschwommene Mirage in Erinnerung. Die Angst, sich ihr zu nähern, war wohl verbunden mit der Angst um ihren Schwund.
Aber in den Jahren danach lernte ich bei weiteren Besuchen palästinensische Staatsbürger Israels kennen. Aufgrund dieser persönlichen, intimen Begegnungen begann ich allmählich, die Komplexität dieser Identität zu verstehen. Diese Menschen waren vorsichtig mit mir, das sehe ich heute. Sie erzählten mir nie zu viel, wollten mich nicht überfordern – oder schlimmer: entfremden. Sie luden mich zum ausgiebigen Essen ein, zeigten mir Wärme, Großzügigkeit und einen verführerischen Humor. Und so begann das Bild des Palästinensers, das sich durch die Ängste und Urteile anderer in meinem Inneren geformt hatte, zu zerbröckeln. Durch diese Begegnungen fühlte ich mich angetrieben, Bücher zu lesen, Filme zu sehen, palästinensischen Stimmen auf Social Media zu folgen.
Als ich 2022 wieder in Israel war, bot mir eine palästinensisch-deutsche Freundin an, mir das Westjordanland zu zeigen. Ich schreckte innerlich zurück, schämte mich aber, ihr meine Ablehnung mit dieser Angst zu erklären. Stattdessen sagte ich, ich hätte Angst vor Siedlern – ich sei ja als Aussteigerin bekannt. Aber in Wahrheit hatte ich Angst vor etwas ganz anderem. Ich hatte Angst vor dem Wissen.
Ich wiederhole: Ich hatte Angst vor dem Wissen, das ich noch nicht wusste, aber irgendwo in mir musste ich es doch gewusst haben, sonst hätte ich keine Angst vor ihm gehabt. Ich hätte keine Angst davor gehabt, zu einem Menschen zu werden, der weiß, was im Westjordanland passiert, wenn ich nicht schon gewusst hätte, dass dieses Wissen ein lebensveränderndes sein würde, ein Wissen, welches mich nie mehr aus seiner Verantwortung loslassen würde. Wie beschreibt man so ein Wissen, über das man schon genug weiß, um es nicht wissen zu wollen? Es ist ein Wissen, das uns allen zu eigen ist.
Viele Jüdinnen und Juden in der Diaspora, die in den letzten anderthalb Jahren wie aus einem Tiefschlaf mit kaltem Schweiß aufgewacht sind, sprechen von einer Leerstelle im Kopf, wo eigentlich das Thema Palästina hätte sein müssen. Aber sie sprechen oft auch von ihrer eigenen Komplizenschaft – von einem starken Willen, die Zustände, die zu dieser Leerstelle geführt haben, zu akzeptieren oder gar zu perpetuieren.
Meine Entscheidung, ins Westjordanland zu fahren, traf ich also sehr spät – erst nach dem 7. Oktober. Der Besuch wurde jedoch, nach vielen Plänen und Absagen, erst Anfang dieses Jahres möglich. Ich flog mit einer Gruppe jüdischer Friedensaktivisten aus Europa, eingeladen von israelischen Menschenrechtsorganisationen.
Am Flughafen wurde eine von uns verhaftet, verhört, gedemütigt – und schließlich deportiert. Es war nicht mehr das Israel, das ich zu kennen meinte. Kein Land mehr „für alle Juden“. Ich hatte es geahnt, aber es dann zu erleben, war dennoch schockierend.
Ich möchte nicht allzu viel über diese Reise erzählen – denn das ist nicht der Grund, warum wir heute hier sind. Wir sind hier wegen der Arbeit der Menschen, die ein palästinensisches Leben im Westjordanland überhaupt noch möglich machen.
Aber erlauben Sie mir eine persönliche Erzählung:
Ich war mit meiner Gruppe in Hebron. Wir schlenderten durch die merkwürdig leeren Straßen. Unsere Führung, ein Mann namens Nadav Weiman, erklärte uns die Geschichte des Ortes. Einige andere Besuchergruppen zeigten mit den Fingern auf uns, drückten offen ihre Verachtung aus – aber man ließ uns weitgehend in Ruhe. Hebrons Hauptstraße war so still wie der Tod – bis plötzlich zwei Männer in einem Auto auf uns zurasten, ausstiegen, zu den großen Rollen Stacheldraht griffen, die um uns herum lagen, und sich auf uns zubewegten, als wollten sie uns gleich damit verprügeln. Nadav sprach unbeirrt weiter, verlor keinen Gedankenfaden, tat so, als gäbe es diese Männer nicht. Ich jedoch konnte mich auf nichts anderes konzentrieren: ihre wilden Blicke, ihre Schimpfworte, der Stacheldraht in ihren Händen, der immer näher um uns schwang.
Sie versuchten, Nadavs ruhige Worte zu übertönen, traten nah an ihn heran – so nah, dass wir vor Angst zu zittern begannen, aber uns dennoch bemühten, bloß keine Schwäche zu zeigen. Nur halb so stark zu sein wie Nadav, der vollkommen unberührt wirkte. Die Situation eskalierte. Die Männer griffen Nadav an. Ich verstand erst nicht, was geschah – ich dachte nur: Wir sind doch nicht in einem Film. Das kann nicht wahr sein.
Soldaten – kaum älter als 18 – kamen nun endlich aus ihrem nahen Posten angerannt:
„Mah zeh balagan?“, fragten sie, als hätten wir uns wie Kinder gestritten. Nadav erklärte, die Männer hätten uns grundlos bedroht und belästigt. Die Soldaten versuchten zu vermitteln. Während dessen wurde ich von einer Frau abgelenkt, die aus dem Haus gegenüber kam. Sie trug ein jüdisches Kopftuch und einen langen Rock – sie war orthodox.
Ich sprach sie impulsiv an: „Wegen euch hat man doch den zweiten Tempel zerstört“, sagte ich. So spricht man unter Orthodoxen – es ist immer ein theologisches Gespräch. Sie schaute schockiert, denn ich sah säkular aus. „Nein, euretwegen doch“, antwortete sie empört. „Euretwegen wurde der zweite Tempel zerstört!“„Der Grund war der sinnlose Hass und die Gewalt, die Juden gegen andere Juden ausübten“, erwiderte ich. „Aber wir spazieren doch nur friedlich durch die Straße. Wir beleidigen niemanden.“ „Ihr bedroht uns. Ihr beschimpft uns. Was haben wir euch getan?“ Ihre Wangen wurden rot. Sie versuchte, das Verhalten der Männer zu erklären, zu rechtfertigen. Es herrsche Krieg, alle hätten jemanden verloren. Dann wechselte sie die Strategie: „Ihr gehört nicht hierher. Ihr habt kein Recht, hier zu sein.“ Ich wollte weiter mit ihr reden, aber nun drängten die Soldaten uns mit ihren Gewehren auseinander. Sie teilten uns in zwei Lager, stellten sich zwischen uns. Meine Mitreisenden stritten mit ihnen, rannten immer wieder zu ihnen zurück – und jedes Mal diese fast absurde Frage: „Mah zeh balagan? Ma zeh balagan?“ Wozu dieses Durcheinander, was ist das für ein Chaos?
Meine Freundin sagte den Soldaten, sie schäme sich, Jüdin zu sein – weil solches Verhalten nun das Bild des Judentums präge. Ich schaute wie betäubt zu, als sie sich anschrieen. Und plötzlich war ich wie außerhalb meiner selbst – sah die Szene, als wäre ich weit entfernt.
Dann geschah mir etwas Peinliches. Ich verlor die Fassung und fing an zu heulen. Nicht weinen, nicht nur Tränen – heulen. Wie ein übermüdetes Kind.
Die anderen dachten, ich weinte aus Angst – vor der Aggression, vor den Gewehren, die uns umzingelten. Aber ich weinte aus Trauer. Einer Trauer, die ich lange vor mir hergeschoben hatte. Ich weinte um einen Verlust. Ich musste in diesem Moment akzeptieren, dass es mein Judentum, wie ich es kannte, nicht mehr gab. Und dieser Verlust überwältigte mich – mich, die Aussteigerin, die mit Religion nichts mehr zu tun haben wollte, aber irgendwie nie aufhören konnte, mit Gott zu reden.
Ich hatte das Wissen so lange aufgeschoben, obwohl ich es längst in meiner Seele trug.
Und mit dem Wissen kam die Trauer – um eine Fantasie, die dieses Wissen nun gewaltsam hinwegfegte.
Wir verbrachten den Rest jenes Tages im Westjordanland in ständiger Konfrontation mit den Siedlern, die sich über einen Telegram-Kanal gegenseitig über unsere Anwesenheit informierten. Sie kamen auf hohen Pferden auf uns zugeritten, in großen landwirtschaftlichen Fahrzeugen. Sie beschimpften uns in allen möglichen Sprachen, drohten, uns zu überfahren, uns zu verprügeln.
Sie jagten uns aus Zanuta – aus dem Dorf, das zweimal zerstört wurde: einmal in seiner ursprünglichen Form, und ein zweites Mal in seiner provisorischen. Die dünnwandigen Unterschlüpfe lagen zerstückelt und zerrissen zwischen den steinernen Ruinen der Häuser, beschmiert mit hasserfüllten Sprüchen. Das Hab und Gut der früheren Bewohner lag verstreut auf dem Boden – so eilig mussten sie auf ihrer verzweifelten Flucht gewesen sein. Man konnte die Panik förmlich riechen.
Auf der Flucht vor den Siedlern trieb es uns zu Nasser Nawaj’ah in Susya. Oder besser gesagt: nicht ins Dorf Susya, sondern in ein provisorisch errichtetes Lager, das nun als Ersatzort dienen musste. Auch Nasser war mit den anderen Bewohnern aus Susya vertrieben worden. Obwohl er sich für die bescheidenen Bedingungen seiner neuen Unterkunft entschuldigte, in der er uns mit einer frisch zubereiteten Mahlzeit empfing, bewunderte ich, wie schnell sie es wieder geschafft hatten, sich unabhängig zu machen – mit allem, was man zum Überleben braucht.
Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es Menschen gab, die genau dahinter steckten – die nach jeder Zerstörung wieder aufbauten, nach jeder Vertreibung erneut Lebensgrundlagen schufen.
Nasser bestand darauf, mit uns Hebräisch zu sprechen, nicht Arabisch. Er bedankte sich bei uns, dass wir überhaupt gekommen waren. Seine Großzügigkeit löste eine altvertraute Scham in mir aus. Ich wusste, dass die Angst, mit der ich an diesem einen Tag konfrontiert war, diese Adrenalinschübe, die meinen Körper bereits erschöpft hatten – seine alltägliche Realität war.
Als wir die Geräusche der sich nähernden Siedler hörten, zuckte er nicht einmal. Während mein Atem sich verkürzte und schneller wurde, sagte er nur: „Sie kommen jeden Tag. Mehrmals am Tag. Wir dürfen nie alle gleichzeitig schlafen. Am liebsten kommen sie in den dunkelsten Stunden vor Sonnenaufgang.“
Später, zurück in unserem Hotel in Ostjerusalem, trafen wir auf eine Gruppe aus dem US-Kongress. Sie erzählten mir, sie hätten dieselbe Tour gemacht – mit derselben Führung.
Ihnen sei nichts passiert, sagten sie. Kein einziger Siedler habe sich blicken lassen, kein einziger Checkpoint habe sie aufgehalten. Der Telegram-Kanal, auf dem die Siedler ihre Zielscheiben markieren, war wohl auch der Kanal, auf dem sie sich gegenseitig warnten, wenn ausländischer politischer Besuch erwartet wurde.
Dieses Wissen, das wir insgeheim schon immer hatten, noch bevor wir es bewusst annahmen – es ist ein Wissen, das uns unrechtmäßig vorenthalten wurde. Es ist ein seltsames Wissen. Eines, das alle teilen – aber kaum jemand ausspricht. Es wird von denen, die uns am Flughafen prüfen und aussortieren, von den Soldaten und Polizisten, die uns an Checkpoints aufhalten, von den Siedlern, die uns jagen, bedrohen, beschimpfen, von den Politikern, die uns von Erinnerungskultur und Antisemitismus erzählen, von den Medien, die lieber von „Konflikt“ und „Krieg“ sprechen, als uns wirklich zu informieren, bewusst verdrängt, vertuscht, verharmlost. Es passiert vor unser aller Augen, und dennoch trauen wir unseren Augen nicht.
Wenn es diese Menschen nicht gäbe – die mich aufnahmen trotz meines lang anhaltenden und wissentlichen Unwissens – wenn es für sie in den staubigen Hügeln keinen Unterschlupf mehr gäbe, dann würde dieses Wissen vielleicht tatsächlich endgültig verschwinden. Wie Staubkörner, vom Wind fortgetragen. Niemand müsste mehr kämpfen, um es zu verdrängen. Aber es würde weiterhin in uns allen leben, würde kein Gewissen mehr in Ruhe lassen. Früher quälte mich das Wissen, weil ich vor ihm flüchten wollte. Die Annahme seiner Verantwortung hat mir Halt und Hoffnung gegeben. Lasst uns nun die Menschen ehren und unterstützen, die uns mit diesem Halt und dieser Hoffnung versorgen. Denn sie kämpfen damit gegen das nicht wissen-wollende-Wissen – und erlösen uns dadurch von seiner Qual.
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Veröffentlichung von Foto und Laudatio an dieser Stelle mit freundlicher Erlaubnis von Deborah Feldman. – Ein besonderer Dank für die Vermittlung geht an Wolfgang Krauß („Die andere Reformation“ – Augsburg).
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Deborah Feldman lebt in Berlin. Sie wurde bekannt durch ihre autobiografische Erzählung „unorthodox“, 2012, dt. 2016. Darin schildert sie ihr Aufwachsen in der streng religiösen chassidisch-jüdischen Gemeinde der Satmarer in Williamsburg, New York. Sie verlässt die Gemeinde und erkundet in zwei weiteren aus dem eigenen (Er)Leben schöpfenden Erzählungen mögliche und unmögliche jüdische Identitäten. „Überbitten“, 2017, dt. 2019 und „Judenfetisch“ 2023.
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Der Michael-Sattler-Friedenspreis wurde 2006 zum fünfzigjährigen Bestehen des Deutschen Mennonitischen Friedenskomitees (DMFK) erstmals vergeben. Benannt ist der Preis nach dem Täufer Michael Sattler. Er wollte den damaligen Erzfeinden des „christlichen“ Abendlandes, den osmanischen Türken, nicht mit militärischer Gewalt, sondern mit Gebet und Feindesliebe begegnen. Am 20.5.1527 wurde er in Rottenburg am Neckar zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt und am nächsten Tag nach grausamer Folter verbrannt.
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Der siebte Michael-Sattler-Friedenspreis ging 2025 an Comet Middle-East, eine israelisch palästinensische Nicht-Regierungsorganisation, die von öffentlicher Wasser- und Stromversorgung, sowie Internet abgeschnittene palästinensische Gemeinden im Westjordanland bei der Einrichtung dieser Grundbedürfnisse unterstützt (https://comet-me.org/). Der Preis wurde von Asmahan Simry, Direktorin von Comet ME entgegengenommen.
www.michael-sattler-friedenspreis.de, www.dmfk.de
