Preußisch Stargard 1918
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Fritz Leon Bernstein wurde am 1. Januar 1888 in Breslau geboren, wo er am 26.2.1920 auch gestorben ist. Nach seiner Promotion an der dortigen Universität leistete er 1914 bis 1916/17 den Kriegsdienst. Im Rang eines Unteroffiziers der Reserve trat er Anfang 1917 sein Amt als Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Preußisch Stargard an, womit ihm zugleich die Zuständigkeit für die jüdische Militärseelsorge vor Ort oblag. In der nachfolgenden ‚Weihnachtsrede‘, gehalten 1918 vermutlich innerhalb der Garnison von Preußisch Stargard (Lazarett) vor – zumindest überwiegend – christlichen Soldaten, formuliert Rabbiner F. L. Bernstein als ‚religiöser Mensch‘ seine scharfe Anklage wider das „Teufelswerk des modernen Krieges“:
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„Kameraden! Als ich vor einigen Tagen von den leitenden Stellen des Lazarettpersonals ersucht wurde, bei dieser Weihnachtsfeier die Rede zu halten, da habe ich erst geschwankt. Es schien mir unmöglich, dass ich als Rabbiner bei dieser Feier zu Ihnen sprechen sollte. Aber dann siegte in mir das Gefühl der Kameradschaft, und ich sprang in die Lücke, die durch den Fortgang der christlichen Herren Garnisonsgeistlichen entstanden ist. So rede ich also jetzt zu Ihnen. Allerdings – was Ihnen wahrscheinlich die Herren christlichen Geistlichen gesagt hätten, das von mir zu hören können Sie nicht erwarten. Ich werde Ihnen keine eigentliche Weihnachtsrede halten, aber ich will diese Gelegenheit benutzen, einmal als religiöser Mensch zu Ihnen als Menschen zu sprechen. Gerade die Zeit, in der wir leben, hat ja viele Schranken niedergerissen und regt alle an, über die einfachsten Menschheitsfragen nachzudenken. Und da es, wie wir alle sehnsüchtig hoffen, in absehbarer kurzer Zeit wieder heißen soll: ‚Friede auf Erden‘, so lassen Sie mich davon reden, mit welcher Gesinnungen wir als Menschen dem Frieden entgegengehen sollen.
Kameraden! Der Frieden ist zwar noch nicht wiederhergestellt. Aber trotzdem kann man sagen, dass der eigentliche Krieg nun zu Ende ist. Wir atmen auf und sagen es uns noch einmal, wie um es durch die Wiederholung erst richtig zu begreifen: Der Krieg ist nun zu Ende! Und diese Stimmung des Aufatmens quillt überall hervor, wo Menschenherzen schlagen und empfinden.
Kameraden! War es ein grässlicher Traum, dass vier Jahre hindurch Millionen und Abermillionen friedlicher Menschen gegeneinander gehetzt worden sind, um sich gegenseitig zu vernichten, um mit den fürchterlichsten Mitteln, die früher als Ausgeburte[n] einer krankhaft fiebernden Phantasie verlacht wurden, ganze Städte zu zertrümmern, blühende Gegenden in Wüsten zu verwandeln und ein Unheil über die Menschheit zu bringen, dem gegenüber das Zerstörungswerk irdischer Naturkräfte weit zurückbleibt? War es ein grässlicher Traum, in dessen knappen Sekunden unser erregtes Hirn all die Scheußlichkeiten des Trommelfeuers, des Gasangriffs, der Minensprengung, des Bombenabwurfs, der Torpedierung usw. vorgegaukelt hat?
Nein, wir wissen es leider; wir haben nicht geträumt. Wachen Geistes, sehenden Auges und mit tätiger Hand haben wir das Teufelswerk des modernen Krieges miterlebt. Und jetzt fragen wir uns alle: wie war es möglich? Die Antwort, die ich geben müsste, Kameraden, würde in das Gebiet der Politik hinübergreifen. Und die Politik soll heute wenigstens begraben sein. Gleichgültig, wie die Antwort auch ausfallen würde, eins wissen wir heute so deutlich wie nur irgendetwas: dieser Krieg war eine Verirrung.
Der moderne Mensch entsetzt sich, wenn er von den Heiden längst vergangener Zeiten liest, dass sie als ein ihrem Götzen wohlgefällige Opfer ihre eigenen Kinder dem Feuertode überliefert haben. Man ist empört über die Ruchlosigkeit der römischen Kaiser, die vor einer schaulustigen Menge wehrlose Menschen dem Todeskampf mit wilden Tieren ausgesetzt haben. Wie lächerlich klein erscheint dieser Heidenwahnwitz und dieser Cäsarenblutdurst gegenüber der Riesenschuld, die die sogenannte zivilisierte Menschheit durch die Entfesselung der Weltkriegsfurie auf sich geladen hat!
Und, Kameraden, keiner spreche: Ich bin frei von dieser Schuld – wir rühmten uns doch alle, auch der Geringste und ganz Tatenlose, wie herrlich weit wir es mit der Kultur gebracht hatten. Nun, so wie wir uns eins fühlten mit dem ganzen zeitgenössischen Geschlecht, als wir seine Vorzüge herausstreichen zu können glaubten, so dürfen wir uns jetzt nicht ausschließen wollen, wenn es gilt, die Schuld zu bekennen. Und gerade dieses Schuldbekenntnis eines jeden Einzelnen enthält den guten Samen, aus dem die Saat einer besseren Zukunft aufsprießen wird.
Kameraden, worin besteht denn die große Schuld der letzten Menschheitsepoche, die nun überwunden werden soll? Darin besteht sie, dass uns das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit der ganzen Menschheit gefehlt hat. Wie jeder zu seinem größtmöglichen Nutzen käme, das war die Sorge der Kleinen wie der Großen. Und wenn der kleinliche Eigennutz einmal ausgeschaltet wurde, dann galt dieser Verzicht allenfalls der Zukunft des eigenen Volkes. Die Selbstsucht des Einzelnen ging auf im selbstsüchtigen Nationalismus. Dass in dieser Hingabe an die Sache des Volkes Großtaten echtesten Heldentums vollbracht wurden, das wissen wir. Aber dieses Bewusstsein darf uns nicht in dem Urteil trüben, dass der Kampf der Völker gegeneinander das blutige Weltgericht über die in Selbstsucht entartete Menschheit war.
So wird nun, Kameraden, das Eingeständnis der Schuld, die wir alle haben, der entscheidende Schritt, mit dem wir uns auf den Boden der allgemeinen Zusammengehörigkeit der Menschheit stellen. Was die alten israelitischen Propheten zuerst gepredigt haben, das wird allen, die mit Abscheu vor dem durch diesen Krieg gerichteten Eigennutz sich einer besseren Zukunft zuwenden, in Herz und Denken übergehen müssen: nämlich dass vor dem einen Gott nur eine einige Menschheit bestehen kann. Maleachi hat es schon treffend gesagt: ‚Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott erschaffen, warum sollten wir also einer gegen den andern treulos handeln?‘ Das unverlierbare Gut einer jeden ernsten Religion: die Pflicht der Nächstenliebe muss das Heiligtum sein, um das sich die ganze Menschheit sammelt. Der alte preußische Wahlspruch: ‚Jedem das Seine‘ muss ebenso wie für die Bürger eines Staates auch für das Verhältnis aller Völker zu einander gelten. Jedem gebührt ein Platz an der Sonne, den er aber nicht unter Verletzung des Rechtes eines andern besetzen darf. Jedes Volk hat Fähigkeiten, die es zum Besten der ganzen Menschheit pflegen soll. Jedes Volk bedarf der Möglichkeit, sein besonderes Leben zu führen. Aber allen gemeinsam muss der Gedanke der Einheit der ganzen Menschheit sein. Aus diesen Gedanken, denen die Zukunft gehört, wird jene Zusammengehörigkeit erwachsen, die die Grundlage für Glück und Eintracht ist. Dann wird Frieden auf Erden sein, Frieden unter den Völkern, Frieden unter den Menschen.“
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„Den größten Bankerott in diesem Weltkrieg erleidet die Weltreligion. Wo sind die großen Phrasen von der Feindesliebe, von dem Heil und dem Frieden, die vor 1900 Jahren in die Welt gekommen sind und die Erlösung gebracht haben! […] Wie hoch erhebt sich dagegen unsere Thora mit ihren alten Ermahnungen zur Menschenliebe, zu Treue und Redlichkeit und friedlicher Gesinnung. Wie erhaben und kraftvoll steht das Judentum da!“ (Rabbiner Moritz Güdemann: Tagebuch, Mai 1915)
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Darstellung und Textdarbietung nach ǀ Sabine Hank/ Hermann Simon/ Uwe Hank: Feldrabbiner in den deutschen Streitkräften des Ersten Weltkrieges. Gemeinsam herausgegeben von der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum und dem Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr. (Band 7 der Schriftenreihe des Centrum Judaicum, hg. von Hermann Simon). Berlin 2013, S. 484f.
Quelle des hinzugefügten Zitats von M. Güdemann ǀ Margit Schad: „Es müsste so sein, dass man einstens erzählen kann, wie die Juden [...] zu Predigern des Friedens unter den Menschen wurden.“ Die deutsch-jüdische Predigt im Ersten Weltkrieg – Max Dienemann und Moritz Güdemann. In: Aschkenas – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden, Band 16 (2006), Heft 1, S. 77–101, hier S. 100.
Illustration oben ǀ „Christliche Weihnachts-Tischdecke“ aus einem deutschen Kaufhaus im Jahr 2025; Aufnahme privat im Archiv von Peter Bürger.
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Literaturempfehlung ǀ Sei von den Schülern Aarons. Ein Lesebuch über die Friedensliebe der Rabbiner. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 15). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-8192-2601-4; Paperback; 312 Seiten; 13,99 Euro).
