PAZIFISTEN & ANTIMILITARISTINNEN AUS JÜDISCHEN FAMILIEN

Rabbiner Leo Baeck über die Feindesliebe (1905/1922)

»Die gesamte religiöse Literatur des Judentums predigt es: ,,Die gekränkt werden und nicht kränken, die ihre Beschimpfung hören und nicht erwidern, die aus Liebe handeln und freudig die Prüfungen ertragen, sie sind es, von denen die Schrift sagt: ,Die den Ewigen lieben, sind, wie die Sonne aufgeht in ihrer Kraft‘.“ Aber das ergreifendste Kapitel von der Feindesliebe hat die Geschichte der Glaubensgemeinde geschrieben. Das Judentum hat von unsäglichen Leiden, von den qualvollen Martern der Seinen zu berichten. Aber kein Unrecht, keine Vergewaltigung hat die Menschenliebe in ihren Herzen zu ersticken vermocht, sie ist nicht in den Strom des unschuldigen Blutes untergegangen. Gerade aus jenen bösesten Tagen spricht die Menschenliebe am vernehmlichsten und innigsten zu uns. Wir besitzen aus der Zeit der schwersten Verfolgungen Volksbücher, Sittenbücher, deren Verfasser allesamt, als sie ihre Worte niederschrieben, überzeugt sein mußten, daß kein anderer als einer ihrer Glaubensbrüder je sie lesen würde. Die intimsten Stimmen sind es, die in diesen Büchern zu uns sprechen. Und sie alle wiederholen dieses eine: Liebe den Nächsten, erbarme dich auch des Feindes. Nathan der Weise, dem man sein Weib und seine sieben Söhne an einem Tage gemordet hatte, und dessen Herz doch nicht hart wurde, lebt nicht nur im Ideallande der Poesie. Er hat in der Geschichte der jüdischen Gemeinden seine Wirklichkeit. Dem Eleasar ben Jehuda aus Worms erschlugen die Kreuzfahrer Weib und Kind, er selbst blieb todeswund am Boden liegen. Und als er im Alter die Erfahrungen seines Lebens aufzeichnete, um sie den kommenden Geschlechtern zu hinterlassen, da hat sich kein Wort des Hasses gegen seine Feinde ihm entrungen. Auch er kennt die eine Wahrheit nur: Besser Unrecht dulden als Unrecht tun. Man muß diese mittelalterlichen Schriften, die in ihrer Zeit und noch lange späterhin wenig ihresgleichen kennen, gelesen haben, um die Lehre des Judentums in ihrer ganzen Liebeskraft und Humanität, in der ganzen Zartheit ihres sittlichen Empfindens verstehen zu lernen. Sie nicht zum mindesten haben die Leidensgeschichte des Judentums zu einem Buche vom Adel gemacht. In der Feindesliebe offenbaren sich die Lauterkeit und die Aufrichtigkeit der Empfindung am überzeugendsten. Sie ist die große Probe der Echtheit, auf die bei der Liebe ja alles ankommt.« (Leo Baeck: Das Wesen des Judentums [zuerst 1905]. Zweite, neu bearbeitete Auflage. Frankfurt am Main: Kauffmann 1922, S. 233-234.)
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Illustration oben ǀ A kneeling New Zealand soldier bandaging the arm of a slightly wounded German soldier who is also kneeling. Rolls of bandages and dressings can be seen in the foreground. Photograph taken at Grevillers in France 24 August 1918 by Henry Armytage Sanders. Inscriptions: Inscribed - Photographer's title on negative -bottom left: H935. Quantity: 1 b&w original negative(s). Physical Description: Dry plate glass negative 4 x 5 inches A World War I New Zealand soldier bandages a German soldier in Grevillers, France. Royal New Zealand Returned and Services' Association : New Zealand official negatives, World War 1914-1918. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:A_World_War_I_New_Zealand_soldier_bandages_a_German_soldier_in_
Grevillers,_France_(21480603718)_(cropped).jpg?uselang=de

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Literaturempfehlung ǀ Sei von den Schülern Aarons. Ein Lesebuch über die Friedensliebe der Rabbiner. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 15). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-8192-2601-4; Paperback; 312 Seiten; 13,99 Euro).