Zu einer Neu-Edition der Schalom-Bibliothek ǀ Stefan Zweig: Jeremias. Nebst der Legende vom begrabenen Leuchter und weiteren Beigaben. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 19).
Hamburg 2026. (ISBN: 978-3-6967-7065-5;
Paperback; 340 Seiten; 14,99 Euro).
Stefan Zweig (1881-1942) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Erzählern des 20. Jahrhunderts. Er hat sich zu Beginn des ersten Weltkrieges in Österreich dem Staat als Freiwilliger zur Verfügung gestellt und dann im Zusammenhang mit dem kulturellen Feld der Kriegspropaganda auch patriotische Texte produziert. Sein Weg zu einem klaren Friedensstandort war gebrochener, als es die Lektüre der späten autobiographischen Erinnerungen (Die Welt von gestern, geschrieben 1939-1941) erwarten lässt. Dies wird bereits erhellt in der Einleitung zu unserem Stefan-Zweig-Lesebuch „Bekenntnisse zum Pazifismus“. Der hier angezeigte zweite Stefan-Zweig-Band der Schalom-Bibliothek, dem die folgenden Abschnitte zur Einführung (unter Auslassung der Fußnoten) entnommen sind, steht diesem Lesebuch zur Seite. Er enthält folgende Texte des Dichters, der für viele Menschen die beste Seite der bürgerlichen Kultur und eine besonders schöne Ausformung des jüdischen Kosmopolitismus repräsentiert: ‚Jeremias – eine dramatische Dichtung in neun Bildern‘ (entstanden 1915-1917), ‚Polyphem‘ (Antikriegsgedicht 1917), ‚Der begrabene Leuchter‘ (Legende, 1936) und ‚Eine Ansprache‘ (Hilfsverein deutschsprechender Juden, Buenos Aires 1936). – Zusammen mit seinen in der Einleitung dargebotenen Selbstaussagen erschließt die Auswahl nicht zuletzt wichtige Zeugnisse zu Stefan Zweigs Haltung gegenüber dem Zionismus in verschiedenen Lebensabschnitten.
Zu den Beigaben der Sammlung gehören außerdem Romain Rollands Rezension des Dramas Jeremias (1918), Ausführungen von Leonhard Ragaz zum Untergang Judas sechs Jahrhunderte v. Chr. (Buchauszug, 1942/43) sowie eine ‚Chronologie‘ zur Geschichte Israels in biblischer Zeit.
Jeremias (1917)
Bereits wenige Monate nach Beginn des ersten Weltkrieges lenkte Stefan Zweig sein literarisches Arbeiten einem biblischen Stoff zu: dem Prophetenbuch Jeremias. Dieses handelt vor allem vom Niedergang des Südreiches (Juda) und der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezzar: „Wir machen einen zeitlichen Sprung in das Jahr 586 [v. Chr.]. Jerusalem, das schon belagert ist, wird noch einmal von den Babyloniern für eine Verschnaufpause verlassen, um ein Entsatzheer der Ägypter zurückzuschlagen. In dieser Zeit ging Jeremia … hinüber zum Ackerkauf von Anatot, als man ihn verhaftete und als Deserteur verklagte. … Zidkija, der König, … ließ den Propheten im Wachthof unterbringen … Den Scharfmachern aber genügte diese Maßnahme keinesfalls. In ihren Augen war alles Verrat, war es Wehrkraftzersetzung, was dieser Mann sagte … Jeremia … möchte die vom wirklichen Untergang Bedrohten durch einen letzten verzweifelten Hinweis retten. Dieser Hinweis lautet: überlaufen, desertieren! – Können Sie sich vorstellen, daß es eine Armee der Welt gäbe, die von den eigenen Leuten dazu aufgefordert würde, die Waffen niederzulegen und zum Feinde überzulaufen, ohne daß ihre Generäle in einem solchen Falle unmittelbar das Kriegsgericht einberufen würden?“ (Eugen Drewermann: Gedanken des Friedens, nicht des Leidens. Die Botschaft des Propheten Jeremia, 2000)
Schon im Drama „Tersites“ (1907) hatte sich Stefan Zweig einem Selbstzeugnis von 1905 zufolge „auch gegen den Kult der Heldenverehrung“ gewandt und „einen Antihelden“ kreiert. Seit dem Frühjahr 1915 schrieb er an seinem biblischen Antikriegsdrama „Jeremias“, das er im Frühjahr 1917 abschließen konnte. Die unserer Neu-Edition zugrundeliegende Erstausgabe erschien 1917 im Insel-Verlag zu Leipzig, die Uraufführung des Dramas erfolgte am 27. Februar 1918 in Zürich. Eine ‚endgültige‘, vom Dichter vor allem durch Streichung von Wiederholungen gekürzte Fassung erschien 1928. Das Ohel-Theaters in Tel Aviv veränderte den Text des Dramas sodann für seine zionistisch ausgerichtete Aufführung im Jahr 1929 – nicht unbedingt im Sinne des Verfassers. (Vgl. zur Umformung von Zweigs ‚Jeremias‘-Drama in ein zionistisches Bühnenwerk: Eva Plank, Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben (Jer 29,11). Die biblische Prophetengestalt und ihre Rezeption in der dramatischen Dichtung Jeremias von Stefan Zweig. Göttingen 2018, S. 226-230.)
Im Briefwechsel mit Martin Buber teilt Stefan Zweig am 8. Mai 1916 mit, „er arbeite jetzt ‚an einer großen […] jüdischen Tragödie, einem Jeremias Drama, das […] die Tragik des Menschen, dem nur das Wort, die Warnung und die Erkenntnis gegen die Realität der Thatsachen gegeben ist‘, darlege … Dass er seine Tragödie ‚des jüdischen Volkes als des auserwählten – aber nicht im Sinne des Wohlergehens, sondern des ewigen Leidens, des ewigen Niedersturzes und der ewigen Erhebung und aus solchem Schicksal sich entfaltenden Kraft‘ fast vollendet habe, schreibt er im Februar 1917 an [Romain] Rolland: ‚Ein Monat noch, und dann gebe ich das Werk, das alles aussagt, was ich innen vom ersten Tage des Krieges fühlte, an den Druck. Es ist ein Bekenntnis im Symbol […]. [I]ch weiß, Sie werden in der historischen Tragödie mein eigenes Erlebnis erkennen‘ … Rückblickend bekennt Zweig Rolland am 9. Dezember 1917, das Drama sei ‚die erste Sache von mir, die ich liebe‘. Nicht, wie Zweig betont, aufgrund seiner literarischen Qualität, sondern weil Jeremias ‚einen moralischen Willen‘ habe, weil ‚es mir selbst geholfen hat‘. Beim Wiederlesen des Stückes finde er darin ‚jene zwei Jahre meines Lebens, die Umwandlung aller meiner Nöte‘.“ (Eva Plank, in: Stefan-Zweig-Handbuch. Berlin/Boston 2018, S. 128-129.)
Manuel Maldonado-Alemán führt zum Drama aus: „In dieser Tragödie, die Zweig plötzlich berühmt machte, erscheint der Prophet Jeremias als ein Außenseiter, der als einziger erkennt, wie sinnlos der geplante Krieg gegen Babylon ist, und sich für den Frieden einsetzt. Er warnt eindringlich, aber vergeblich, vor Zerstörung und Schrecken. Am Ende jedoch ist er der Einzige, der die militärische Niederlage in einen geistigen Sieg umwandelt und der Bevölkerung eine Aussicht für die Zukunft eröffnet. Zweig stellt somit die Perspektive des Besiegten in den Mittelpunkt des Stückes und entdeckt die moralische Kraft des unpolitischen Einzelnen, der mit seinem verlorenen Kampf gegen Ungerechtigkeit und staatliche Willkür ein Zeichen für die positiven Ideale der Menschheit setzt. Jeremias zeigt die moralische Überlegenheit des Besiegten und bekundet die Idee eines Pazifismus, der sich ausschließlich auf ethischen Prinzipien gründet“ (in: Stefan-Zweig-Handbuch. Berlin/Boston 2018, S. 744.)
Die friedensbewegte Tendenz des Stückes kann schwerlich übersehen werden: „Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr! […] Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben.“ Nicht Territorien und Steinmauern müssen – bis hin zum Letzten – verteidigt werden, sondern lebendige Menschen – und die Hoffnung.
In einem Brief an den Kunsthistoriker Abraham Schwadron schrieb Zweig 1917: „Ich möchte Ihnen noch erzählen, daß ich meinen ‚Jeremias‘ vollendet habe und der Druck bereits begonnen hat. Wie er in jüdischen Kreisen wirken wird, ist mir sehr interessant. Buber, der nur das Finale (abgelöst vom Ganzen) sah, ist recht betroffen von der Gegensätzlichkeit meiner Auffassung. Für mich ist es der Ruhm und die Größe des jüdischen Volkes, das einzige zu sein, das nur eine geistige Heimat, ein ewiges Jerusalem anstrebt, während er zur Wiederkehr ins reale Palästina gravitiert. Für mich ist es die Größe des Judentums, übernational zu sein, Ferment und Bindung aller Nationen in einer Idee, er wünscht die jüdische Nation, und ich sehe in jedem Nationalismus die Gefahr der Entzweiung, des Stolzes, der Eingrenzung und der Eitelkeit.“
Dem entsprechen folgende Mitteilungen Zweigs an Buber vom Mai 1917: „Was ich zuvor dumpf schon empfand und durch zehn Jahre wanderndes Leben bestätigte, die absolute Freiheit zwischen den Nationen zu wählen, sich überall als Gast zu fühlen, als Teilnehmer und Mittler, dieses übernationale Gefühl der Freiheit vom Wahnsinn einer fanatischen Welt, hat mich in dieser Zeit innerlich gerettet, und ich empfinde dankbar, daß es das Judentum ist, das mir diese übernationale Freiheit ermöglicht hat. Ich halte nationale Gedanken, wie den jeder Einschränkung als eine Gefahr und erblicke eigentlich in der Idee, daß das Judentum sich realisieren sollte, ein Herabsteigen und einen Verzicht auf seine höchste Mission. Vielleicht ist es sein Zweck, durch Jahrhunderte zu zeigen, daß Gemeinschaft auch ohne Erde, nur durch Blut und Geist, nur durch das Wort und den Glauben bestehen kann, und dieser Einzigartigkeit uns zu begeben, heißt für mich, ein hohes Amt freiwillig niederlegen, das wir von der Geschichte übernommen haben, ein Buch schließen, das in tausend Blättern beschrieben, noch Raum hat für tausend und tausend Jahre Wanderschaft.“
Erneut bekannte der Dichter des Dramas Anfang 1918 in einem Brief an Martin Buber: „Denn ich bin ganz klar und entschlossen, je mehr sich im realen [!] der Traum zu verwirklichen droht, der gefährliche Traum eines Judenstaates mit Kanonen, Flaggen, Orden, gerade die schmerzliche Idee der Diaspora zu lieben, das jüdische Schicksal mehr als das jüdische Wohlergehen. Im Wohlergehen, in Erfüllung war dieses Volk nie ein Wert – nur im Druck findet es seine Kraft, in der Auseinandersprengung seine Einheit.“
Zum ‚Internationalistischen Standort‘ Zweigs in den Folgejahren führt Eva Plank folgende Auszüge einer in der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung vom August 1926 veröffentlichten Stellungnahme des Dichters an: „Nur dies scheint mir in meinem Wesen als jüdisches Erbteil vollkommen gewiß: der Mangel an Heimatsgefühl, der fehlende Nerv für das Vaterländische im Sinne einer einzelnen Nation. Ich fühle mich bloß wohnhaft, nicht aber wahrhaft heimisch in den fast durch Zufall gewählten Ländern und hatte niemals selbst in meinem eigenen Garten den Gedanken, daß auch nur ein Baum davon mir ‚gehört‘. Ich empfinde nicht die Grenzen innerhalb Europas, vermöchte ebenso in Paris wie in Rom wie in Deutschland wohnhaft zu sein. […] noch geistern die zweitausend Jahre Wanderschaft vorzeitiger Geschlechter mir in den Adern; jeder Aufenthalt scheint mir bloß Rast, keiner wahrhaftes Zuhausesein. Dem danke ich vielleicht ein besonderes Offensein für das Vielfältige dieser Erde, eine gewisse Nicht-Borniertheit – Unruhe des Geistes manchmal und doch Glück der Wanderschaft […]. Diese Art der Freiheit von der Erde unter dem eigenen Fuß haben, glaube ich, nur Geschlechter, die durch Jahrhunderte nomadisch mit allen Winden gewandert sind. Und obwohl seßhaft zur Zeit, lebe ich dies jüdische Schicksal ohne Bedauern und ohne Neigung, es mit anderer Form zu tauschen, innerlich weiter im Blute, in den Nerven und im Geist.“ (In den späteren Exiljahren nach 1933 gibt es dann allerdings auch andere Töne, wenn von Beheimatung und Heimatverlust die Rede ist.)
Der begrabene Leuchter (1936)
Stefan Zweig war – trotz seiner frühen Verbindung zu dem von ihm bewunderten Theodor Herzl – also kein Zionist (im engeren, auf eine Staatsgründung zielenden Sinn). Ebenso wenig vertrat er jedoch einen antizionistischen Standpunkt. Seine Legende „Der begrabene Leuchter“ (1936) und eine im gleichen Jahr in Buenos Aires gedruckte „Ansprache“ (s.u.) zeigen wohl ein gewandeltes, noch engeres Verhältnis des Dichters zur eigenen jüdischen Herkunft, aber keinen Bruch mit dem geistigen – ‚kulturzionistischen‘ – Verständnis des Judentums: „Vielleicht hat er deshalb den Tempel zerschlagen und von der Heimat uns losgerissen, daß wir unseren Sinn nicht an Sichtbares hängten, sondern nur innerlicher Art ihm treu blieben, dem Unerreichbaren und Unsichtbaren. Vielleicht ist unser wahrer Weg dies, daß wir immer am Weg sind, wehmütig zurückblickend und sehnsüchtig voraus, immer nach Ruhe begehrend und immer doch ruhelos; denn immer ist nur dies ein heiliger Weg, dessen Ziel man nicht kennt und den man beharrlich doch schreitet, so wie wir hier ins Dunkle und Gefährliche schreiten diese Nacht und nicht kennen ihren Ausgang.“ (Der weise Rabbi in Zweigs Legende „Der begrabene Leuchter“, 1936)
In der Legende bzw. Novelle wird Benjamin Marnefesch im Jahr 455 unserer Zeitrechnung als Kind von den Synagogenältesten zu Rom dafür ausgewählt, künftigen Generationen die materielle Identität der von den Römern aus dem Tempel zu Jerusalem entwendeten Menorah zu bezeugen; doch als Greis begräbt er zu Ende seines Lebens selbst den Leuchter in der Erde Palästinas und trägt Sorge dafür, dass wirklich niemand außer ihm das Grabversteck der echten Tempel-Menorah kennt: „Möge er für verloren gelten, der Leuchter, und wir, die wir Gottes Geheimnis sind – wir sind nicht verloren! Denn nicht wie der irdische Leib vergeht das Gold im Schoße der Erde und nicht unser Volk im Dunkel der Zeit.“ – „Nun lag es bei Gott, ob der Leuchter im Verborgenen bleiben sollte bis ans Ende der Tage und das Volk weiter zerstreut über die Erde, oder ob er endlich heimführen wollte das Volk und auferstehen lassen den Leuchter aus seinem unbekannten Grab.“
Wird der Leuchter dereinst im Jerusalemer Gottesdienst wieder zu Ehren kommen? Diese Frage bleibt somit offen; sie scheint auch keineswegs entscheidend zu sein. Das Licht der Thora hängt ja – trotz aller Wertschätzung der Menorah – nicht an einem geschmiedeten sakralen Gegenstand: „Ein Unsichtbares ist es, das uns bindet, ein Unsichtbares, das uns hält und zusammenhält, und dies Unsichtbare ist unser Gott.“ „Denn auch ein inneres Licht hat Gott uns verliehen durch die Schrift […]. [D]as Heiligste, das wir hatten als Zeichen auf unserer Wanderschaft, und das einzige, das uns verblieben aus den Tagen unseres Anbeginns, waren die Schrift und der Leuchter, die Thora und die Menorah.“
Eine Ansprache in Buenos Aires (1936)
Die am 1. Oktober 1936 im ‚Mitteilungsblatt des Hilfsvereins deutschsprechender Juden‘ Buenos Aires dargebotene „Ansprache“ sollte nicht nur wegen des gleichen Entstehungsjahres bei der Deutung der Legende herangezogen werden. Die Passagen zur Ansiedlung von Juden in Palästina klingen jetzt – unter den Bedingungen der Judenverfolgung durch die deutschen Faschisten – positiver als in Ausführungen früherer Zeiten: „Nur die Seele eines Menschen, nur die Seele eines Volkes kann seine Not besiegen. Darum scheint es mir, daß wir niemals Palästina als die einzige und alleinige Lösung ansehen dürfen, so sehr wir gerade heute erfassen, wie groß, wie weitausblickend und prophetisch der Gedanke Theodor Herzls gewesen ist. Es ist sicher ein ungeheurer Gewinn, daß heute für Tausende vertriebener Menschen eine Heimstatt geschaffen ist, eine Gnade für alle jene, welche unter dem Druck des Hasses und der Verachtung und Zurücksetzung nicht länger leben wollen und für Kinder und Kindeskinder den Besitz eigener Erde anstreben. … Es ist ein großes Ideal, aber es ist kein allgültiges, kein für jeden gültiges Ideal. Denn manchen von uns wird es vielleicht als eine Rückbildung erscheinen, als eine Sprache, die uns fremd geworden ist, ein Zurück in ein Land, das uns mit tausend Erinnerungen gewinnt, aber doch nicht mehr ganz Heimat ist, Rückkehr in einen neuen Nationalismus, wo wir im Innersten hoffen, daß die Idee des engherzigen abgeschlossenen Nationalismus bald zu Ende sei und einer neuen Epoche der Panhumanität weichen müsse. Glücklich jene, welche sich dort glücklich fühlen und ihre Erfüllung finden! Aber zu eng ist diese Erde, um die ganze jüdische Nation zu erfassen …“
Der schon 1917 im biblischen Drama zum Ausdruck gebrachte ‚kulturzionistische Standort‘ des Dichters wird – trotz der freundlichen Passagen zur neuen Heimstatt für Tausende von Verfolgten – beibehalten: „Nicht in der Leistung der Waffen, immer im Geistigen ist unsere Stärke gewesen: nicht daß wir einmal in mythischen Zeiten mit anderen Völkern und Stämmen uns herumgemordet, hat dem jüdischen Volke eine besondere Mission in der Welt gegeben, sondern daß es die Bibel geschaffen hat, die Gesetze, die Lieder der Propheten und sein höchstes, sein ewiges Kunstwerk, den Gedanken des unsichtbaren Gottes …“
Die zweigesichtige Einstellung kommt schließlich auch in einem Brief Stefan Zweigs an Alfred Wolf vom 4. Februar 1937 zum Ausdruck: „Lassen Sie mich nun ganz aufrichtig über meine persönliche Stellung zum Judentum einiges versuchen. Das große literarische und auch menschliche Vertrauen, das Herzl mir als ganz jungem Menschen entgegenbrachte, verpflichtete mich natürlich, auch seiner Lebensidee nahezutreten. Ich kannte damals die jungen Kräfte des Zionismus, Martin Buber, Lilien und manch andere. Aber es gehört zu meinem Wesen – vielleicht ist es ein Vorzug, vielleicht ein Defekt – dass mir jeder Fanatismus fehlt, dass ich jede Einseitigkeit und Einlinigkeit ablehne. Deshalb ist mir der Zionismus und Palästina niemals als ‚die‘ Lösung erschienen, sondern als eine der glücklichsten und bestärkendsten Ideologien innerhalb des Judentums, die ungeheuer viel zur Erneuerung der Idealität beigetragen hat. Aber ich möchte doch nicht, dass das Judentum aus seiner Universalität und Übernationalität sich ganz ins Hebräische und Nationale einkrustet. Es gab immer zwei Parteien innerhalb des Judentums, die eine, die alles Heil im Tempel sah und die andere, die bei der Belagerung Jerusalems sagte, dass wenn auch dieser Tempel zerstört würde, eben die ganze Welt zum Tempel würde. Ich glaube, dass das Jüdische und das Menschliche doch immer identisch bleiben muss, und jede Überheblichkeit und gewaltsame Absonderung des Judentums (die oft nur eine Umschaltung eines Minderwertigkeitsgefühls ist) halte ich für eine große moralische Gefahr. Ich habe mich also niemals auf Programmpunkte festgelegt, sondern habe mich immer nur bemüht, still und möglichst hintergründig meinen Dienst zu tun, im Werk, wie Sie an den Arbeiten ‚Jeremias‘ etc. sehen, nie meine Gesinnung verleugnend, aber auch nie sie überbetonend. Ich glaube nicht, dass wir eine ‚jüdische‘, eine nationale Literatur zu gründen haben, sondern nur das zu schreiben, was es uns drängt. Und da wir eben Juden sind, und es nicht verleugnen, so wird in sich schon dies Werk einen jüdischen Charakter annehmen. Alles Gewaltsame dagegen und bewusst Akzentuierte scheint mir überflüssig.“
(Textredaktion: peter bürger, Schalom-Bibliothek ǀ 28. Oktober 2026)
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Leseprobe ǀ Ausgewählte Szenen aus Stefan Zweigs Drama „Jeremias“ (1917) wider das Kriegsgeschrei
Die Mutter: Es ist Zeit! Es ist Zeit! Mannbar bist du des langen, eines Weibes verlanget dies Haus und der Kinder, damit erweckt sei deines Vaters Bild.
Jeremias (in grimmigem Schmerz): Ein Weib heimführen in Wüstung? Kinder zeugen dem Würger? Wahrlich, nicht bräutlich nahet die Stunde!
Die Mutter: Ich faß dich nicht.
Jeremias: Soll ich bauen ein Haus in den Abgrund und mein Leben in den Tod? Soll ich säen der Fäulnis und lobpreisen die Vernichtung? Ich sage dir, Mutter, wohl dem, der sein Herz nicht hängt jetzt ans Lebendige, denn wer atmet diesen Tag, trinkt schon von seinem Tod.
Die Mutter: Welch ein Wahn ist über dir? Wannen war sanfter die Zeit, wann stiller im Frieden dies Land?
Jeremias: Nein, Mutter, sie sagen Friede und Friede, die Toren, aber es ist darob kein Friede noch, und sie legen sich nieder und vermeinen Schlaf, die Arglosen, und schlafen schon in ihren Tod. Mutter, eine Zeit ist nahe wie keine gewesen je in Israel, und ein Krieg, wie noch keiner über Erden gefahren! Eine Zeit, daß neiden werden die Lebendigen die Toten in der Grube um ihren Frieden und die Schauenden die Blinden um ihr Dunkel. Noch ist es nicht sichtig den Toren, noch ist es nicht offenbar den Träumern, doch ich, ich hab es geschauet Nacht um Nacht. Immer höher brennet der Brand, immer näher nahet der Feind, er ist da, der Tag des Getümmels und der Zertretung, schon steiget des Krieges rot Gestirn aus der Nacht.
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Ein Bote: Der König hat den Rat berufen.
Stimmen: Krieg … er beschließet den Krieg … Krieg …
Abimelech: Wen hat er berufen?
Der Bote: Imre, den Ältesten, Nachum, den Verwalter; und auch an dich ergehet sein Ruf.
Abimelech: Zauderern bin ich gesellt und Klüglern, die das Wort wägen und schauern vor der Tat. Aber ich bringe mein Schwert, und ich will es von mir werfen, darf ich es nicht zücken wider Assur. Dein ist die Stunde, ich kämpfe für sie, Volk von Jerusalem!
Die Menge: Heil Abimelech … Heil Abimelech … heil dir, du Gottesstreiter … heil …
(Abimelech eilt in den Palast.)
Baruch: Ihm nach, ihm nach! Der König soll unsere Stimme hören, er höre unsern Willen erdonnern vor seinem Palast.
Sebulon: Ich verstoße dich, wenn du nicht schweigest. Der König will beraten, und Ruhe muß sein um den Ratschluß.
Baruch: Er soll nicht beraten. Er beschließe! Er beschließe den Krieg! Wir alle wollen den Krieg.
Stimmen: Ja, wir alle … wir alle … schreit auf zu ihm …
Eine Stimme: Nein, ich will keinen Krieg … ich will keinen Krieg …
Stimmen: Schweige … Verräter … noch ein Gekaufter … wer bist du … nieder mit ihm … wer bist du …
Der Sprecher: Ein Bauer bin ich, und nur im Frieden blüht mein Feld. Aber der Krieg stampft meine Äcker und zerstößt mir die Scholle. Ich will keinen Krieg, ich will nicht!
Baruch (wild): Schmach über dich! Schmach über dich! Daß du doch faultest in deinem Acker und ersticktest an deinen Früchten! Fluch denen, die am Gewinn ihren Mut messen und an ihrem Leben des Landes Geschick! Israel ist unser Acker, und wir wollen ihn düngen mit unserm Blute, denn, ihr Brüder, es ist Seligkeit, zu sterben für den alleinigen Gott.
Der Sprecher: So stirb und lasse mich leben. Die Erde liebe ich, auch sie ist Gottes, und er hat sie mir zu eigen gegeben.
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Jeremias (hat sich emporgeschwungen): Brüder in Israel, Brüder in Jerusalem, einen Sturm hört ich fahren im Traume wider Zion, und Kriegsvolk wider unsere Mauern, und sie warfen nieder das Gebälk und stürzten die Zinnen, Flamme saß auf den Dächern wie ein rot Tier und fraß leer unsere Hausung. Es war kein Stein mehr, der stund auf dem andern, und eine Wüstung in den Gassen; so viel Tote sah ich liegen wie Kehricht, daß das Herz sich mir wandte im Leibe und die Siegel meines Mundes aufbrachen im Schlaf …
Pashur: Wahnwitz schreit von den Stufen des Tempels.
Hananja: Fallsucht plaget ihn, und er plaget uns.
Baruch: Hinunter mit ihm!
Stimmen: Nein, die Träume wollen wir hören … was deuten sie … ein Irrwitziger ist er … ein Narr … fort mit ihm …
Jeremias: Doch da ich wach auffuhr im Schweiße meines Leibes, ihr Brüder, da spottete ich mein, wie diese meiner spotten! Denn war nicht Friede im Lande, ihr Brüder, saß die Stille nicht auf den Mauern und kein Wind rührete sie an? Und ich ging fort vom Hause und schämete mich meines Ängstens und ging her zum Markte, daß ich mich freute des Friedens. Da scholl Jauchzen her, und das Herz brach mir ein inwendig, denn ein Jauchzen war es zum Kriege. Meine Brüder, da ward bitter wie Galle meine Seele, und das Wort sprang mir zum Munde wider meinen Willen, denn saget wahrhaft, ihr Brüder: ist Krieg ein so kostbar Ding, daß ihr ihn lobpreiset? Ist er so gütig, daß ihr ihn ersehnet, ist er so wohltätig, daß ihr ihn grüßet mit der Brunst eures Herzens? Ich aber sage dir, Volk von Jerusalem, ein bös und bissig Tier ist der Krieg, er frißt das Fleisch von den Starken und saugt das Mark von den Mächtigen, die Städte zermalmt er in seinen Kinnladen, und mit den Hufen zerstampft er das Land. Nicht schläfert ihn ein mehr, der ihn weckte, und wer das Schwert zücket, mag leicht selber darein fallen. Weh darum über den Fürwitz, der Streit anhebt ohne Not, denn auf einem Wege wird er ausziehn, und auf sieben wird er rückfliehen, weh denen, die Mord tun am Frieden mit dem Wort! Hüte dich vor ihnen, hüte dich, Volk von Jerusalem!
Baruch: Vor den Feiglingen hüte dich, Volk von Jerusalem, vor den Gekauften und Verrätern!
[…]
Jeremias: Was wecket ihr auf das reißende Tier mit eurem Gejauchze, was locket ihr in die Stadt den König von Mitternacht, was rufet ihr zum Kriege, Männer Jerusalems? Habet ihr dem Mord eure Söhne gezeuget, und der Schande eure Töchter? Ward dem Feuer eure Hausung gebaut und dem Prellbock die Mauer? Besinne dich, Israel, halt ein, eh du rennest ins Dunkel, Jerusalem! Ist denn so hart deine Knechtschaft, ist so brennend dein Leiden? Siehe, siehe um dich: es ist Gottes Sonne über dem Lande, und eure Weinstöcke blühen in Frieden, es schreiten beseligt die Bräute mit ihren Erwählten, es spielen einfältig die Kinder, und sanft glänzet der Mond in Jerusalems Schlaf. Das Feuer hat seinen Ort und das Wasser seine Stätte, die Speicher ihre Fülle und Gott sein geräumiges Haus. Sage, Israel, sage, ist es nicht schön in Zions Mauern, ist es nicht lind in Sarons Talen, nicht selig an des Jordans blauem Gefäll? Oh, laß es dir genug sein, friedsam zu wohnen unter Gottes beruhigtem Blick, und halte den Frieden, halte ihn fest in deinen Mauern, Volk von Jerusalem, halte den Frieden!
Sebulon: Recht redet er! Heil ihm! Wie Gold ist seine Rede!
Pashur: Wie chaldäisch Gold!
[…]
Jeremias: Laut spreche ich vor dem Volke: Besser den Zins des Goldes zahlen dem Feinde, denn den Zins des Blutes dem Kriege! Besser der Weise sein, denn der Starke, besser Gottes Knecht, denn der Menschen Herr!
[…]
Jeremias: Doch es stehet auch geschrieben daselbst: „Wenn ihr stille bleibet, würde euch geholfen, durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein.“
[…]
Hananja: Unheiligem Krieg ist es gesagt, Zwist der Geschlechter Israels! Doch dies ist ein heiliger Krieg, ein Gotteskrieg ist es, Jerusalem, um deines ewigen Namens willen, ein Gotteskrieg, ein Gotteskrieg!
Jeremias: Abtut Gottes Namen vom Kriege, denn nicht Gott führet Krieg, sondern die Menschen! Heilig ist kein Krieg, heilig ist kein Tod, heilig ist nur das Leben.
[…]
Ein Weib (Jeremias anspeiend): Schmach wär er für uns! Da dem Manne, der sich verkriecht und uns schändet! Krieg … Krieg wider Assur!
Jeremias (in Zorn ausbrechend): Wer bist du, die du so brünstig bist nach dem Blute? Hast du deine Lenden aufgetan für das Grab und deine Kinder gesäugt für die Grube? Fluch über den Mann, der nach Blut schreit, aber siebenmal Fluch über die Frauen, die brünstig sind nach dem Kriege, denn die Frucht ihres Leibes wird er fressen, und die Knechte Assurs werden worfeln um sie und um ihr Gewand. Klageweiber werdet ihr sein und mit den Nägeln zerren an euren Wangen, schrill Heulen wird aus euren Zähnen brechen, die gespien wider mich und wider den Frieden …
Stimmen (Weiber): Wehe … wehe … höret den Fluch … unsere Söhne … wehe … wehe … der Furchtbare … wehe …
Baruch: Die Frauen schreckst du, du Zagherziger, doch die Männer nicht. Hinunter mit dir!
Einige Krieger: Hinunter! Jagt ihn in die Gasse!
Hananja: Sperrt ihm den Mund!
Stimmen: Fort … er verstört die Frauen … fort … genug Unheil gekündet … kalt ward mein Gebein, da er sprach … er schweige … schweige …
Jeremias: Ich schweige nicht, ich schweige nicht, denn in mir schreit Jerusalem! Jerusalems Mauern stehen in meinem Herzen, und sie wollen nicht sinken, Israels Lande blühen in meiner Seele, und ich will sie behüten! Dein eigen Blut schreiet aus mir, Jerusalem, daß es nicht vergossen werde, dein Same, daß er nicht versprengt werde, deine Steine, daß sie nicht stürzen, und dein Name, daß er nicht vergehe! Halte dich fest, du Schwankende, und birg deine Kinder an dich, höre, Jerusalem, des Warnenden Stimme höre, meine liebende Angst, meine ängstende Liebe höre! Höre sie, Zion, du Gottesburg, und wahre den Frieden, wahre den Frieden …
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Baruch (ihn stützend): Ich … helfe dir … Jeremias … wider meinen Willen und meinen Glauben … denn Macht ist in dir, die mich zwingt … wie heiß dein Auge brennt im Willen … Einen Schwachen und Scheuen vermeinte ich dich, darum stand ich wider dich, der du schmähtest die Tat und den sanften Frieden gefordert.
Jeremias: Meinst du, der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die Sanftmütigen sein, und die den Frieden wollen, stehen im ewigen Streit. Oh, ich weiß, daß ich in Fluch gehe und sie Tod wider mich werfen, aber ich fürchte mich nicht, denn Gottestat muß ich tun, und wer Gottestat will, darf nicht ängstig sein vor der Menschen Haß.
[…]
Jeremias (Stimme sich gewaltig erhebend): Tu ab das Schwert, Zedekia! Du rettest Jerusalem! Friede gib Israel! Gottes Friede!
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Der Erste Krieger (hart): Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!
Der Zweite Krieger: Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!
Der Erste Krieger: Von jeher war es so.
Der Zweite Krieger: Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern?
Der Erste Krieger: Die Völker begehren seiner um seinetwillen.
Der Zweite Krieger: Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!
Der Erste Krieger: Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht weiter.
Der Zweite Krieger: Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?
[…]
Der Erste Krieger: Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.
Der Zweite Krieger: Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht klar.
Der Erste Krieger: Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns befohlen, wir müssen gehorchen.
Der Zweite Krieger: Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?
Der Erste Krieger: Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott.
Der Zweite Krieger: Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: „Du sollst nicht töten.“ Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm wahrhafter denn mit der Feinde Blut.
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Jeremias: Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende Meer wogen von Mitternacht her …
Baruch (schauernd): Ich sehe den Feind … ich sehe die Zelte …
Jeremias: Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit, daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, es ist Zeit, es ist Zeit!…
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Jeremias: Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest, so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!
Zedekia: Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?
Jeremias: Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!
Abimelech: Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel … fort mit dem Zagherzigen …
Zedekia: Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?
Jeremias: Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.
Zedekia: Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?
Jeremias: Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König, der das Blut spart seines Volkes.
Zedekia: Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?
Jeremias: Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie auf an sein Herz.
Zedekia: Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber lachen meiner Schmach.
Jeremias: Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia, bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so beuge dich vor ihm!
[…]
Stimmen: Man steinige ihn … ein Söldling ist er … er will die Stadt den Chaldäern preisgeben … laß ihn töten … er betet um unser Verderben …
[…]
Jeremias: Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns erretten.
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Baruch: Nicht quäle dich, Meister … der Schmerz verwirret dich.
Jeremias: So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei … was hab ich vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich … von Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts … so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde … meine Warnung, wen warnete sie … nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt … nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens … Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und kein Lebendiger glaubet meiner Rede!
Baruch: Ich glaube dir, ich laß dich nicht.
Jeremias: Du glaubest mir … noch immer … dann hör mein Wort … So du mir glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur fluchet … daß ihm darre die Zunge … daß auslösche, der Anstoß ist und Ärgernis …
Baruch: Nein, ich weiche nicht von dir … Du bist der Große … Dich hab ich erwählt um deines Leidens willen.
Jeremias: Nicht lobe mich, nicht lobe mich … mich verbrennet die Scham … was hab ich denn Jerusalem zum Heile getan … hab ich gebeugt des Königs Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet … wo ist meine Tat … wem brachte ich Segen … wo schuf ich den Frieden … wo weckte ich den Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt …
[…]
Der Erste Krieger (ist herbeigeeilt): Was rufst du da … was schreist du in die Nacht …
Jeremias (sich aufrichtend): Ich rufe … ich rufe, und doch hört keiner auf mich …
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Zedekia: So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.
Jeremias (jauchzend): Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
Zedekia: Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart ohne Maß.
Jeremias: Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein Herz, doch rette die Stadt!
Zedekia: Meine Ehre hat er gefordert.
Jeremias: Gib sie hin für die Stadt!
Zedekia: Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?
Jeremias: Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn Sterben.
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Jeremias (… Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):
Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen,
Jerusalem, prächtiger Morgenstern,
Und gedachtest doch über die Welten zu steigen!
Über die Wolken wolltest du fahren,
Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner,
Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.
[Vgl. Jesaja 14,12-15]
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Jeremias: So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns ihr erwählte in alle Ewigkeit!
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Jeremias:
Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt.
Bedenket, bedenket,
Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket,
Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist.
So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung,
Segnet die Schickung, so uns geschah,
Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung,
Erniedrigung macht uns nur gottesnah,
Jeder Sturz führt höher in seine Reiche,
Denn nur die Besiegten wissen um ihn:
Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen!
Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn! […]
Stimmen: Ja … sage … künde, verkünde … schauen wir wieder Jerusalem?
Jeremias: Ewig wird inwendig es schauen,
Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist,
Und mit dem Maß seines Gottvertrauens
Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt.
Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde
Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde,
Schöner als wir es vordem gekannt,
Jede Fremde wird ihm das Gottesland!
Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet,
Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!
Stimmen: Wir glauben … wir glauben … ewig werden wir es schauen … Der Glaube ist unser Jerusalem!
Ein Anderer (vortretend): Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
Jeremias:
Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker,
Und das Leiden, das euch gelehrigt hat,
Ihr selber werdet die heiligen Werker,
Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt.
Aus euern Trauern erhebet die Mauern,
Und je tiefer die Völker euch niederbeugen,
Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen,
Um so schöner erstehet Jerusalem!
Stimmen: Ja, laßt es uns bauen … das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden … laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes … zu Gott die Richtschnur erhoben … bauen wir Jerusalem.
Ein Anderer: Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
Jeremias: Steine bröckeln, es stürzen die Mauern
Irdischer Werke, die Reiche veralten,
Städte verschwemmen im Strome der Zeit,
Doch was die Seelen in Leiden gestalten,
Dauert in Gottes Allewigkeit.
Wer kann sie zerstören,
Die unsichtbaren,
Innen geschauten,
Tränenerbauten
Zinnen der heiligen Zuversicht,
Wer kann ihn uns rauben
Den seligen Glauben,
Wer stürzet des Herzens Jerusalem? […]
Andere Stimme der Schreitenden:
Aus weiten Wassern werden wir trinken,
Die bitter brennen dem sehnenden Mund,
Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten
Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind,
Doch keine Fremde wird uns zur Ferne,
Denn von den Sternen wehet uns Tröstung;
Träume der Heimat enttauchen den Nächten,
Und unsere Seele erstehet gekräftigt
Von der heiligen Zehrung Jerusalem! […]
Die Stimme der Ausziehenden (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen):
Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden,
Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung,
Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte,
Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite,
Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute,
Wir aller Völker Spielball und Spott,
Wir einzig Heimatlosen der Erde,
Wir wandern in alle Ewigkeiten,
Die Letztgebliebnen
Unendlicher Schar
Heimwärts zu Gott,
Der aller Anfang und Ausgang war,
Bis daß er uns selber die Heimstatt werde,
Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren
Die Welt umwandert und leuchtend umkreist,
Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren:
Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.
Der Chaldäer: Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.
Der chaldäische Hauptmann: Ihr Gott? Haben wir nicht seine Altäre zerbrochen? Haben wir nicht gesiegt über ihn?
Der Chaldäer: Man kann das Unsichtbare nicht besiegen! Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist.
* * *
Buch-Edition | Stefan Zweig: Jeremias. Nebst der Legende vom begrabenen Leuchter und weiteren Beigaben. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 19). Hamburg: BoD 2026.
Bibliotheksportal | Alle Publikationen des nicht kommerziell ausgerichteten Regals „Pazifisten & Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal schalom-bibliothek.org – dort auch weitere Beiträge im „Lesesaal“ und alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten. – Gesamtübersicht zur Friedensreihe „edition pace“ hier (stand 15.10.2026).
